Aus dem Spital abgehauen

Judith Giovanelli-Blocher

Die allgegenwärtige Priorität der Finanzen im Gesundheitswesen tragen nicht zur Gesundheit der Leute bei. Eher im Gegenteil. Mit meinem spontanen Ausbruch aus dem Spital habe ich einen winzigen Protest eingelegt.

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Was hat es für Folgen, wenn die öffentliche Hand, die staatlichen Institutionen etc. das Volk verärgern und die Leute nerven? Als Patientin oder auf Hilfe Angewiesene hat man das Gefühl, man werde laufend überall eingeschränkt, dabei sind es oft Kleinigkeiten, die wegfallen, oder Zulagen, neue Gebühren, die zum Üblichen dazukommen. Aber schlussendlich ist es für die Zahlungspflichtigen so, dass sie das Gefühl haben, es gibt nichts mehr gratis, und wir sind auf jeden Fall für die Ämter zu teuer!

Jüngst bin ich aus dem Spital abgehauen.

Es gibt keine Gratisbeilagen mehr, keine Doppel werden zur Entlastung der Zahlungspflichtigen mitgeliefert, keine Antwortcouverts beigelegt, keine vorgedruckten Adresse, alles weg. Wir müssen sparen. Klar, es waren alles winzige Freundlichkeiten, und jetzt gilt einfach nur noch der Spardrang. Man spart natürlich auch an Hilfeleistungen: Personalmangel! Überall wird es knapp. Der Arzt macht eine Bemerkung zum Gesundheitszustand - und gleich gibt das einen Zusatzpunkt auf der Rechnung. In der Hauspflege muss die kleinste Hilfeleistung extra bezahlt werden. Es scheint, wir seien unter lauter kleinkrämerischen Sparern gelandet. Wir haben einfach das Gefühl, wir seien nur noch Kostenfaktoren. Dabei weiss ich, dass wir sparen sollen und das alle mithelfen sollen. Aber es fehlt auch am Ton, wie man uns die neuen Gebühren und Aufschläge mitteilt. Immer wieder taucht der Eindruck auf, ausser Kostenfaktoren sei mit uns nichts mehr los. Dabei geben sich alle auf den Ämtern sichtlich Mühe, und ich schreibe das, was ich anmahne, eigentlich ungern. Aber etwas Grosszügigkeit wenigstens im Ton wäre angezeigt. 

Jüngst bin ich aus dem Spital abgehauen, weil ich mich so als "quantité négligeable" gefühlt habe. Dabei habe ich mich bisher bei früheren Aufenthalten im gleichen Haus immer gut aufgehoben gefühlt. Aber neulich, nach einem nicht harmlosen Sturz, wartete ich im Spital vier Tage vergeblich auf einen Arztbesuch, zog schliesslich entnervt meine Schuhe an und bestellte ein Taxi. Denn ich hatte genug, worauf blitzschnell drei Personen auftauchten, die mir eiligst versicherten, sie hätten sich in den letzten Tagen sehr intensiv mit mir beschäftigt. Verwundert reagierte ich: "Aber ich habe Sie drei alle noch nie gesehen. Woraufhin sie erwiderten: "Aber wir haben uns mit Ihren Röntgenbildern befasst!" Das Beispiel zeigt exemplarisch: Es fehlt allenthalben an persönlichem menschlichem Umgang. 

Es ist überall guter Wille vorhanden, aber die Zeit rast an allen vorbei und nimmt sämtliche guten Vorsätze mit.

Es ist überall guter Wille vorhanden, die Pflegenden geben sich Mühe, aber die Zeit rast an allen vorbei und nimmt sämtliche guten Vorsätze mit. Mit meinem spontanen Ausbruch aus dem Spital habe ich einen winzigen Protest eingelegt. Zu Hause hatte ich zwar eine gute Physiotherapeutin, aber mein 85-jähriger Mann, der selber behindert ist, musste dann tagsüber fürs Nötige sorgen. Aber das Gespenst, als alter, ziemlich hilflos gewordener Mensch künftig bei einer notwendigen Spitalbehandlung einer Maschinerie ausgeliefert zu sein, macht mir Angst. Dabei weiss ich, dass es vielen Pflegenden, die anders umgehen wollten mit ihren Patienten, schlecht geht, und darum werden viele von ihnen krank oder nehmen Reissaus und wenden sich einer anderen Tätigkeit zu.

Die allgegenwärtige Priorität der Finanzen im Gesundheitswesen tragen nicht zur Gesundheit der Leute bei.

Gute Pflege braucht Zeit, und es gibt keine Alternative zu dieser Erkenntnis. Die gegenwärtige Hektik und die allgegenwärtige Priorität der Finanzen tragen nicht zur Gesundheit der Leute bei. Auch die neuerlichen Versuche, alle Patienten aus dem Spital auszulagern, sind ein Fehlschluss. Das kann man ablesen an den hohen Zahlen von Patienten, die, kaum entlassen, wieder eingeliefert werden müssen. Was hingegen sehr gesundheitsfördern wäre: Die Patienten in der Schweiz können versichert sein, dass sie zu Hause wie im Spital gut aufgehoben sind, bei Menschen, die den Ansprüchen der Pflege gerecht werden. Klar müssen wir sparen, ich stehe dazu, aber man sollte auch nicht vergessen, dass das Ganze mit Humor und und Grossmut betrieben werden kann. Mit Erbsenzählerei ist es nicht getan. 

Die 86-jährige Judith Giovanelli-Blocher ist Schriftstellerin und Kolumnistin. Diese Kolumne erschien am 21.03.2019 im Bieler Tagblatt. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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